Kategorien/ Ressorts
Mehr Infos
Specials
« Vorherige |Nächste »

HIV

15.09.2004: Bareback

Barebacking statt Safer Sex?

Boulevardjournalismus oder Aufklärung?

Das Politmagazin aus Mainz
Das Politmagazin aus Mainz

Ein Trend macht die Runde: Barebacking. Das bedeutet Sex ohne Kondom. Report aus Mainz deckte das in seiner Sendung vom 13.9.2004 (endlich) auf und hat damit herausgefunden, was derzeit trendig ist. So soll es in der schwulen Szene „in und hipp sein, alles wegzulassen“, meint ein Betroffener. Da herrscht die irrige Meinung vor, dass es gegen AIDS doch Medikamente gäbe. Ganz abgesehen von den Nebenwirkungen der Medikamente um HIV im Zaum zu halten, gibt es bis zum heutigen Tage kein einziges, erwiesenes Medikament, welches den HI-Virus verschwinden lässt oder die Krankheit AIDS heilt. Aber selbst bei einer bereits erfolgten Infektion mit einem der verschiedenen HI-Viren droht bei einer erneuten Infektion, dass ein anderer HI-Virenstamm sich in dem Körper des Infizierten breit macht und austobt. Gegen diese Poly-Infektionen hilft nun gar nichts mehr. Es gibt keinen Medikamenten-Cocktail, der hier noch etwas Gutes bewirken könnte.

Deutsche Aidshilfe unter Beschuss

Deutsche Aidshife in der Kritik
Deutsche Aidshife in der Kritik

In das Visier der Kritik ist dabei die Deutsche AIDS-Hilfe DAH geraten. Eigentlich sollte sie auch in diesem Bereich Präventionsarbeit leisten, damit der HI-Virus sich nicht ausbreitet. Für diese Arbeit erhält sie jährlich über den Umweg der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 3,5 Mio. Euro aus Steuergeldern. Ein Kunstkniff des Staates aus der Zeit, als der Staat selbst nicht in der Lage und glaubwürdig genug war, um direkte Aufklärungsarbeit in den von HIV/AIDS betroffenen Szenen zu leisten. Rainer Schilling, langjähriger, bewährter Mitarbeiter der Deutschen AIDS-Hilfe sieht dieses Problem im Report-Beitrag auch als Gewissensfrage: „Wir müssen das akzeptieren, wenn Menschen dahingehen und voll informiert das in Kauf nehmen.“ Man versteht sich von daher auch nicht als Moralinstanz, wie andere gesellschaftliche Organisationen das gerne wären. Deshalb wird auch auf Kommentare verzichtet, auch wenn in manch verwirrender Broschüre eine Aussage veröffentlicht wird, die nicht der Meinung der DAH entspricht. Man möchte nicht Meinungen unterdrücken, um damit nicht unglaubwürdig in der Szene zu erscheinen. Rainer Schilling verweist deshalb im Interview mit Report darauf, dass der Wunsch nach Sex ohne Kondom einfach erst einmal der geäußerte Wunsch von vielen ist. Das zu verschweigen sei unredlich. Im Gegensatz dazu gibt es wesentlich mehr Aussagen und Broschüren der DAH, die zu Safer Sex auffordern. Es fehlt also nur die entsprechende und gewünschte Kommentierung kritischer Stellen. Davon geht im Übrigen auch die BZgA als Aufsichtsbehörde aus, die durchaus zuverlässig und akkurat arbeitet. Ein Hinweis, dass auch Report nicht unbedingt sauber recherchiert haben kann, mag sein, dass man Frank Jaspermöller, ehemaligen Chefredakteur der Hochglanz-Zeitschrift „Männer Aktuell“ bemüht. Längst ist er nicht mehr im Bruno Gmünder-Verlag für die Männer Aktuell verantwortlich. Er macht in Report die DAH für steigende Infektionsraten verantwortlich. Ob seine Aussage so haltbar sein kann?

Der Bericht von Report unter http://www.swr.de/report/aktuell/index.html

Der Kommentar

Würde dieser Beitrag von Report tatsächlich so stimmen, dann hätte uns die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) einen Bärendienst erwiesen. Einen tödlichen sogar. Doch wer die DAH und ihre Arbeit kennt weiß, dass dem so nicht sein kann. Sex macht Spaß, Sex soll auch Spaß machen, und Menschen mit HIV/AIDS sollen genauso ihr Sexualleben ausleben. Doch mit HIV/AIDS ist einfach nicht zu spaßen. Es gibt in der Forschung keine Gegenmittel. Man kann sich nicht mal soeben aus Spaß an der Freud‘ anstecken, um dann ein paar Tage später den Virus wegzumachen. Eine Infektion ist eine Einbahnstraße. Der HI-Virus bleibt, und das zeitlebens. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann man am Ende ankommt. Doch schlimmer noch: Als bereits Infizierter kann man diese Zeitschiene brutal abkürzen. Dazu genügt eine weitere Infektion mit einem andern HI-Virenstamm, einer anderen Geschlechtskrankheit oder sogar die erneute, zusätzliche Infektion mit demselben Virenstamm, den man bereits in sich trägt. Hier nicht dagegen vorzugehen, hier keine Aufklärungsarbeit zu leisten, ist mehr als nur grob fahrlässig. Doch die DAH informiert ausdrücklich darüber. Im Bericht von Report wird mit der Freiheit und der Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen argumentiert. Freiheit, das ist fein. Freiheit, das macht Spaß. Bedeutet dass: „Ich fühle mich so frei und stecke dich nun mit HIV an, weil’s mir Spaß macht?“ – Die Antwort darauf erspare ich mir! Auch der Begriff „Mode“ und „trendig“ sticht nicht, um Barebacking zu legitimieren. Im Gegenteil: „Mode“, das hat noch nie etwas mit Freiheit zu tun gehabt, sondern mit Gruppenzwang. Dabei sein ist Alles. Und darum: „Beine breit und HIV hinein!“ – Sorry, aber das kann es nun wirklich nicht sein. Freiheit und Mode, ich betrachte das in diesem Zusammenhang nur als Deckmäntelchen der Feigheit, die Feigheit zu sagen, dass man es lieber mit Gummi hätte, die Feigheit davor, deshalb vielleicht als „out“ zu gelten und nicht mehr als „in“. Eigenverantwortung ist sicherlich eines der obersten Gebote des Menschseins. Aber die Verantwortung für den Gegenüber ist ein Gebot des menschlichen Umgangs miteinander. Der Vorwurf von Report selbst gegen die DAH läuft ins Leere, da die Praxis der DAH eine andere ist. Gerade die DAH fordert dazu auf, verantwortlich mit dem Gegenüber umzugehen. Trotzdem muss die DAH eines tun: Missverständnisse ausräumen und irreführende Broschüren einstampfen. Der Schaden aber, der durch diese Art des Journalismus angerichtet wurde, wird bleiben. Bis die Volksmeinung das vergessen hat, wird noch viel Wasser den Rhein, die Spree, die Elbe und die Isar runterfließen müssen. Ohne dass man der DAH wirklich einen Vorwurf machen kann, werden sich in dieser Zeit viele Menschen mit HIV infizieren oder sich schlimmere Poly-Infektionen einhandeln. Für die, die sich dem entziehen wollen, bleibt nur ein bewährtes Mittel: Safer Sex anstatt Barebacking. Bitte seid so frei: Kondom auf und dann Spaß, nichts sonst!

Eingestellt von: Ralph Hoffmann
Druckversion des Artikels (*PDF)

Artikel an einen Bekannten senden

Archiv/ Suche
weitere News
02.09.2010
Schwule in der "Bravo"
22.08.2010
Schäuble gegen Steuer-Splitting für schwule Paare
18.08.2010
Karlsruhe stärkt Rechte homosexueller Erben
11.08.2010
Homo-Eltern in den Niederlanden
10.08.2010
Standesamtpreise im Ländle
17.04.2010
Nichts ist gut in Rom
15.04.2010
Vatikan muss sich bei Homosexuellen entschuldigen
14.04.2010
Sündenbock gesucht
14.04.2010
Internationale AIDS-Konferenz 2010 in Wien
13.04.2010
Strategiepapier der JU ist skandalös