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CSD

06.08.2007: Christopher Street Day

CSD Nürnberg: Gleichheit gleich Chance

Auftakt am Freitag im schwullesbischen Zentrum von Fliederlich e.V.

Podiumsdiskussion im schwullesbischen Zentrum von Fliederlich e.V.
Podiumsdiskussion im schwullesbischen Zentrum von Fliederlich e.V.
Foto: Ralf Hoffmann

Über 9.000 Menschen feierten am vergangenen Wochenende nicht nur ein fröhliches Straßenfest zum CSD 2007 in Nürnberg, sondern zeigten deutlich, dass es um die Chancengleichheit in unserer Gesellschaft für Lesben und Schwule schlecht bestellt ist.

Schon am Vorabend zum traditionellen Auftakt am Freitag im schwullesbischen Zentrum von Fliederlich e.V. stellten die TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion in unterschiedlicher Weise ihre Wahrnehmung der Lebenssituation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender dar. Vertreten waren Landtagsabgeordnete Christine Stahl von B‘90/Die Grünen, SPD-Stadtrat Michael Ziegler, Bundestagsabgeordneter Jörg Rhode von der FDP, Dekan Rainer Oechslen von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Nürnberg, Helmut Fink vom Humanistischen Verband Deutschlands, ver.di-Gewerkschaftssekretär Ulli Schneeweiß, und Caren Lay, sächsische Landtagsabgeordnete. Nachdem der Moderations-Profi Dieter Barth mit durchaus provokanten Fragen die TeilnehmerInnen aus der Reserve lockte, betonten die Promis, dass eine wirkliche Gleichstellung in der Gesellschaft noch längst nicht erreicht ist. Christine Stahl warnte sogar vor der schwindenden Toleranz, geschweige denn Akzeptanz und verwies auf eine Untersuchung bei Jugendlichen in Hauptschulen, bei denen 1998 „nur“ 34% Schwule als unmoralisch bezeichneten, während es 4 Jahre später schon 61% waren. Ulli Schönweiß von ver.di machte deutlich, dass da schon ein großes Maß an Angst vor dem Anderssein dahintersteckt, worauf Helmut Fink die Schocktherapie empfahl, nämlich dass homophobe Menschen durchaus mal mit Lesben und Schwulen konfrontiert werden müssen, um festzustellen, dass sie gar nicht so verschieden sind. Schwierig wird die Situation dann vor allem in der Lebensrealität von Lesben und Schwulen. Die Lebenspartnerschaft als schlechte Hilfskrücke für die institutionalisierte Zweisamkeit von lesbischen oder schwulen Paaren ist mit allen Pflichten belastet, aber nur mit sehr wenigen Rechten ausgestattet. Ursächlich dafür ist die Blockadehaltung der konservativen Kräfte zunächst im Bundesrat zu Rot-Grünen Regierungszeiten, später dann die konsequente Nichtbeachtung und Nichtbehandlung der Merkel-Regierung, bei der sich die Kanzlerin lieber auf Techtelmechtel mit dem amerikanischen Präsidenten einlässt, denn sich um grundlegende Rechte und um Gerechtigkeit im eigenen Land zu kümmern. Nicht zu unrecht verwies deshalb Caren Lay auf die Ungleichstellung der Lebenspartnerschaft mit der heterosexuellen BGB-Ehe, was Jörg Rhode am Beispiel der Erbschafts-Freibeträge von 307.000 Euro für Hetero-Ehen gegenüber 5.100 Euro zur „Homo“-Ehe mit Zahlen untermauerte. Doch, so mutmaßte der Liberale, gäbe es mittlerweile auch ein Einsehen in konservativen Kreisen, um wenigstens bei diesem Aspekt irgendwann einmal nachzubessern. Ungewöhnlich progressiv zeigte sich Dekan Oechslen, der keinen Zweifel daran ließ, dass die Gleichberechtigung bei der Evangelischen Kirche noch fortgeführt werden müsse, was auch wegen der Angst vor dem Andersartigen immer wieder gerne steckenbleibt. In der Arbeitswelt kritisierte Ulli Schneeweiß, dass durch das schlecht gemachte „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“, das an die Stelle des Unterschriftsreifen und wesentlich weiter reichenden „Antidiskriminierungsgesetz“ getreten war, die Beweislast für Diskriminierungen am Arbeitsplatz umgedreht wurde, sodass Betroffene den mühsamen Weg durch die firmeninternen Instanzen gehen müssen, ohne dass ihnen vielleicht helfende Organisationen zur Seite stehen können. Letztendlich war man sich einig, dass der Weg raus aus der derzeitigen Schlechterstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender nur über den Weg der Bildung führen kann, wofür auch der SPD-Stadtrat Michael Ziegler sich mit seinen Möglichkeiten in Beruf und ehrenamtlicher Betätigung einsetzen möchte. Unterstützung kann dabei die Politik dort bieten, wo bewusst und vorsätzlich gegen die Interessen der Betroffenen gehandelt wird. So schilderte Christine Stahl von den Grünen, dass die Bayerische Staatsregierung es sich nicht verkneifen möchte, den Arbeitgebern, darunter auch Kirchens, über das Finanzamt bekannt zu geben, wenn jemand in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft lebt. Was das für Konsequenzen insbesondere bei ArbeitnehmerInnen der Katholischen Kirche, die übrigens durch Abwesenheit glänzte, bedeutet, kann man sich leicht ausmalen.

Demonstrationszug von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender

Demonatrationszug beim Nürnberger CSD
Demonatrationszug beim Nürnberger CSD
Foto: Ralf Hoffmann

Bunter aber durchaus auch politisch ging es bei der 2. Demo von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender tags darauf zu. Unter dem Motto „Gleichheit gleich Chance“ zogen 500 TeilnehmerInnen mit 4 LKWs und mehreren Wägen und Motorrädern einen Teil des Innenstadtringes entlang und sorgten für viel Zuspruch aus der Bevölkerung, die großes Verständnis für die politischen Anliegen der Demo-TeilnehmerInnen zeigten. Nach gut eineinhalb Stunden traf der Zug im Einkaufszentrum Nürnbergs am Jakobsplatz ein, wo bereits mehrere Tausend Menschen auf die offizielle Eröffnung des Straßenfestes warteten. Der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Dr. Uli Maly, ließ es sich dieses Jahr nicht nehmen, seine lesbischen und schwulen MitbürgerInnen persönlich zu begrüßen, um mehr Akzeptanz statt bloße Toleranz zu fordern. Schon vor der Eröffnung hatte er den Wunschzettel der Szene entgegen genommen, und so hoffen die Aktiven, dass der Oberbürgermeister und der Stadtrat sich noch mehr und verstärkt für die Gleichstellung und Gleichbehandlung der Lesben und Schwulen einsetzen. Als Co-Schirmherrin bedankte sich die Landtagsabgeordnete Christine Stahl ausdrücklich bei den OrganisatorInnen des diesjährigen CSDs und bei allen Beteiligten Gruppen, Organisationen und der Polizei für die gelungene Vorbereitung und Betreuung des CSDs in Nürnberg, um dann mit konkreten Beispielen aus der Politik zu untermauern, dass es mehr denn je notwendig ist, dass Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und deren FreundInnen und Angehörige öffentlich auf ihre Situation aufmerksam machen müssen. Gedacht wurde auch der im letzten Jahr an Aids gestobenen Menschen. Insbesondere aber wurde auch nochmals an Erich Schimpf erinnert, der plötzlich und unerwartet im Vorfeld des CSDs verstorben war und zu den tragenden Personen des Nürnberger CSDs gehörte. Jedes Jahr ein Stückchen mehr, dass Lesben und Schwule sich erobern: Und so begrüßte Christine Stahl die 6 offen-schwul auftretenden Stadtratskandidaten von SPD, FDP und B‘90/Die Grünen auf der Bühne, die aus ihrer sexuellen Orientierung keinen Hehl machen und sich als wählbare Kandidaten der Szene empfahlen. Und damit nahm das Fest unter der Moderation der göttlichen France Delon seinen Lauf: Dank der Unterstützung zahlreicher SponsorInnen sorgten eine Vielzahl an KünstlerInnen für ein abwechslungsreiches Programm, dass die über 9.000 TeilnehmerInnen und PassantInnen des Straßenfestes bei der Stange hielt und auch die Gottesdienst-bedingte Pause verschmerzen ließ. Bilder vom Straßenfest finden sich unter www.csd-nuernberg.de

Vielfältiges Angebot an weiteren Veranstaltungen

www.csd-nuernberg.de

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass die CSD-Party in der „Tullnau“ für einen gelungenen abendlichen Ausklang sorgte und dass am nächsten Tag eine Stadtführung mit dem Titel „Homosexuelle unter dem Hakenkreuz – Nürnberger Spuren der Verfolgung“ , der klassische CSD-Gottesdienst in der Nürnberger Hauptkirche St. Lorenz und das Hans-Sachs-Platz-Fest am Sonntag Nachmittag mit Badehosen-Show die inhaltliche Abrundung bot. Kulturell war der diesjährige CSD ebenfalls eine Ohren- und Augenweide: Neben einer gut besuchten Lesung von und mit dem Autoren Uwe Szymborski aus seinem Buch "Radikal" öffnete dieses Jahr eines der größten Kinos in Nürnberg seine Tore und präsentierte jeden Tag mindestens einen schwulen Film.

Was bleibt? Neben vielen zufriedenen BesucherInnen die Erkenntnis, dass so ein CSD weiterhin notwendig ist und die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern noch lange nicht zum Ende gekommen ist, selbst wenn manche meinen und dabei irren, man hätte mit den wenigen Rechten schon gleiche Chancen bekommen.

Eingestellt von: Ralf Hoffmann (Nürnberg)
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