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Aufgespiesst

13.09.2004: Sex anstatt Hartz IV?

Sex anstatt Hartz IV?

Liebesleben als Wirtschaftsfaktor

Prof. David G. Blanchflower
Prof. David G. Blanchflower

Einmal mehr dienten ausgewachsene AmerikanerInnen – diesmal waren es 16.000 - der Welt als Versuchskaninchen, um herauszufinden, welche Rolle ein Sexualleben in der Gesellschaft und für die Wirtschaft spielt. Die Wirtschaftswissenschaftler David Blanchflower vom Dartmouth College in den USA und Andrew Oswald von der englischen Universität Warwick interessierten sich – angesichts lahmender Wirtschaft und steigender Arbeitslosenzahlen – dafür, was Menschen glücklich macht, denn nur glückliche Menschen sind auch produktive Menschen.

Und das Ergebnis der 7.000 männlichen und 9.000 weiblichen Versuchskaninchen? Sex macht Menschen am glücklichsten. Dabei spielt es keine Rolle, ob alt oder jung, Frau oder Mann, heterosexuell oder homosexuell, arm oder reich – alle wollen das Eine zum Glücklichsein: Sex, Sex und nochmals Sex. Und in ihrer Studie „Money, Sex and Happiness: An Empirical Study“ heißt es dann auch: „Der Einfluss von Sex auf das individuelle Glück ist statistisch klar, eindeutig und ausreichend belegbar". Dabei deuten die Ergebnisse darauf hin, dass das besonders dann gilt, wenn der/die GeschlechtspartnerIn nicht gewechselt wird. Seitensprünge und bezahlter Sex ergaben, dass sich dadurch kein Glücksgefühl einstellt. Doch eine alte Weisheit scheint sich mal wieder zu bestätigen: „Dumm fickt gut“ – denn ein hohes Bildungsniveau führt bei Männern zu weniger Sex, während Frauen ihre PartnerInnen selektiver auswählen und seltener wechseln. Zwischen 1988 und 2002 wurden die Testpersonen einmal im Jahr gefragt, wie glücklich sie sind. Dazu kamen dann noch die Fragen nach den Details wie Häufigkeit, wechselnde PartnerInnen, usw. 70% der Befragten hatten in dem jeweiligen Jahr der Befragung nur eineN Partner/Partnerin, v.a. unter den Älteren ab 40, die zu 95% sich treu verhielten. Nur 4 der 7.000 befragten Männer hatten mehr als 100 PartnerInnen im Jahr, wobei das – so das Forscherteam – an der üblichen Übertreibung bei Männern liegen könnte, trotz anonymer Befragung (Anm.d.Red.: Und was ist mit möglicherweise befragten Callboys?). Unter den 9.000 Frauen gab keine an, mit mehr als 20 PartnerInnen verkehrt zu haben, wobei offensichtlich die Prostituierten darunter dafür entschieden haben, ihre Arbeit nicht als Sexualkontakte einzustufen.
Die Studie „Money, Sex and Happiness: An Empirical Study“ ist z.B. unter http://www.dartmouth.edu/~blnchflr/papers/FinalsentScanJsex04.pdf abrufbar.

Der Kommentar

Prof. Andrew J. Oswald
Prof. Andrew J. Oswald
Kommentar :
Es scheint ein Schlag ins Gesicht zu sein für alle, die ein freiheitliches und ungebundenes Sexualleben praktizieren. Treue als das einzige Wahre. Doch diese Untersuchung, die für Amerika und sicherlich abgewandelt auch für Deutschland einmal mehr brauchbare Erkenntnisse zu Tage brachte, unterschlägt, dass Menschen aufgrund ihrer Erziehung und deren Erlebnisse in ihrer Jugend eine Grundhaltung zur Sexualität bekommen. So mag der/die monogam leben wollende in der EineRbeziehung genauso glücklich werden, wie der/die polygam leben wollende mit vielen Sexualkontakten. Egal wie groß nun die Verteilung zwischen Monogamen und Polygamen ist: Beide sind gleichberechtigte Seiten einer Medaille und beide fühlen sich nur dann wirklich glücklich, wenn sie ihre Lebensgrundeinstellung leben können. Das gilt es auch anzuerkennen und nicht durch überkommene Moralvorstellungen zu verdecken. Sex macht glücklich, mehr Sex macht noch glücklicher - das ist die Grundbotschaft dieser Untersuchung. Kein oder kaum ein Unterschied dabei, ob es sich um Homo- oder Heterosex handelt.

Da Politik und Gesellschaft darauf angelegt sind, dass alle Menschen zufrieden und glücklich leben können, muss sich die konservative Politik darüber Gedanken machen, wie sie mit dem für sie so konträren Ergebnis umzugehen hat. Von den Ansichten einer Katholischen oder manch anderer fundamentalistischen Kirche mag ich da gar nicht reden. Doch ich freue mich schon darauf, wenn in 500 Jahren die Katholische Kirche von den Kanzeln predigen wird, dass Sex glücklich macht. Ich freue mich darauf, wenn in den Kirchen frei und offen über Sexualität geredet und Jugendlichen ein positives Bild von ihrer eigenen Sexualität vermittelt wird. Ich freue mich darauf, wenn die Gesellschaft Sexualität als mögliche Fortsetzung von Kommunikation anerkennt und praktiziert. Dann werde ich der in Rom amtierenden Päpstin von einer rosa Wolke herunter zuwinken und an Wochenenden für Sonnenschein über allen Kornfeldern der Republik sorgen.
Eingestellt von: Ralph Hoffmann
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