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Aktuell
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21.12.2006: Datenschutz in der Forschung
Kompetenznetz HIV/AIDS unter Beschuss
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Patientendaten gingen ins Ausland
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| Logo Kompetenznetz HIV/AIDS |
| Homepage |
Das Kompetentnetz HIV/AIDS ist ein honoriges und zukunftsträchtiges Projekt. Innerhalb von etwas mehr als 4 Jahren gelang es mehr als 14.000 Patienten in die größte Studie zu HIV und Aids in der Bundesrepublik zu akquirieren. Anfang Dezember wurde die positive Community von Meldungen aufgeschreckt, nachdem Patientendaten ins Ausland gegangen sein sollen. Doch es kam noch schlimmer. Neben den Patientendaten (immerhin bis zu 400 Daten pro Patient) wurden auch Blutproben in die Schweiz geschickt wo eine Einwilligung von Patienten zur Verarbeitung der Daten nicht vorgeschrieben ist. Dies wurde vom Chair des Kompetenznetzes Prof. Dr. N.H. Brockmeyer nicht nur bestätigt, es wurde auch bekannt, dass die Daten bereits zum Teil ausgewertet wurden.
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Die Ziele des Kompetenznetzwerkes HIV/Aids
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| Prof. Brockmeyer |
| www.kompetenznetz-hiv.de |
Das Kompetenznetz HIV/Aids wurde im Jahr 2002 gegründet. Das Netzwerk wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell mit 15,1 Millionen € über einen Zeitraum vom 5 Jahren finanziell unterstützt. Um eine bessere Transparenz gegenüber den Patienten zu erreichen wurde zum einen die Deutsche Aidshilfe zum anderen weitere Patientenvertreter mit eingebunden. Den Vorsitz des Kompetenznetz hat Prof. Dr. Brockmeyer, sein Stellvertreter ist Prof. Dr. ter Meulen. Im so genannten Steering Committee sitzen Forscher und Wissenschaftler aus ganz Deutschland sowie die Patientenvertreter. Neben zehn Instituten für Grundlagenforschung kooperieren 53 Schwerpunktpraxen, Universitäten und Lehrkrankenhäuser in Deutschland mit dem Netzwerk. Ziel ist es Grundlagenforschung zu HIV und Aids in Deutschland zu bündeln und diese zu kommunizieren. Hauptziele sind das Monitoring unterschiedlichen HIV-Therapien und schlussendlich eine Koordination und Standardisierung von Behandlungsstrategien. Um dieses zu erreichen wurde eine umfangreiche Datenbank entwickelt (die sogenannte Kohorte) und mittlerweile mit bis zu 400 Daten pro Patient gefüllt. Ein internationaler Austausch der Ergebnisse ist von der Forschern erwünscht.
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Genetische Fragen bei HIV und AIDS
Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Kohorte ist die Untersuchung inwieweit genetische Aspekte bei einer Infektion mit HIV eine Rolle spielen. Dabei soll anhand von Untersuchungen festgestellt werden, welche Gene beim Menschen welche Auswirkungen auf den Verlauf der Krankheit sowie die Therapie haben. Dies hätte den Vorteil, dass bereits vorher prognostiziert werden könnte, welche Therapieform für den Patienten am sinnvollsten ist. Unter anderem aus diesem Grund werden von den teilnehmenden Patienten auch Blutproben entnommen. Sollten sich aus den Blutproben Erkenntnisse und daraus resultierend Patente entwickeln lassen, so verzichtet der Patient in einer Vereinbarung auf das Recht daraus Nutzen zu ziehen. Gleichzeitig ist wohl zu vermuten, dass Ergebnisse auch an die Industrie (Pharma) übermittelt werden. Diese erhoffen sich daraus Hinweise auf die Produktion von weiteren Medikamenten aber auch auf mögliche Impfstoffe. Beides ist zwar gut für den Patienten, aber sicherlich nicht unlukrativ für die Industrie, die dadurch Daten erhält, die Gold wert sein können.
Bei der Vorstellung des Netzwerkes wurde noch auf der Konferenz "HIV im Dialog" von Prof. Brockmeyer und anderen Referenten immer auf den Aspekt der Patientenvertretung hingewiesen. Datenschutzrechtliche Aspekte sind gerade beim Kompetenznetz sehr stark berücksichtigt worden. Dieses Vertrauen ist wichtig da die Daten der Patienten zwar verschlüsselt an die Labore, Forschungseinrichtungen und Datenbanken weitergereicht werden, diese sich allerdings wiederum zurück verfolgen lassen.
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Der Datenschutz auf Abwegen
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| Prof. Amalio Telenti |
| www.chuv.ch |
Die aktuelle Misere begann mit der Aufnahme von Prof. Amalio Telenti (Direktor des Instituts für Mikrobiologie am Universitätsspital in Lausanne) zum assoziierten Mitglied im Kompetenznetzwerk am 23. November 2006. Prof. Amalio Telenti ist einer der führenden Forscher zu HIV und Aids in der Schweiz. Er ist in der internationalen Kohorte Euro-CHAVI eingebunden, die sich mit Fragen zu genetisch passenden Impfstoffen gegen HIV beschäftigt. Nachdem klar wurde, dass damit nicht nur der Austausch von Studienergebnissen auf internationaler Ebene erreicht werden sollte, sondern auch der Austausch von Patientinnendaten, schlug die DAH (Deutsche Aidshilfe) Alarm (die DAH ist im sogenannten Steering Commitee als Patientenvertretung eingebunden). Wenig später meldete sich "positiv e.V.", eine Selbsthilfeorganisation, welche regelmäßig bundesweite Positiventreffen im Waldschlösschen bei Göttingen organisiert, zu Wort und forderte das Kompetenznetz ultimativ auf, Stellung zu beziehen zu den Informationen, dass entsprechende Daten ins Ausland gegangen seien.
Hintergrund für diese Aufforderung ist die Tatsache, dass eine solche Zusammenarbeit nicht mit der Patienteneinwilligung in Eintracht steht, die von den Patienten unterschrieben wurden. Danach wurden zwar entsprechende Befugnisse zur Auswertung der Daten und Blutproben erteilt, allerdings nur an deutsche Forscher bzw. Institute. Eine wie auch immer geartete Weiterleitung ins Ausland wurde nirgends erwähnt. Viele Patienten haben sich sehr wohl überlegt, ob man die eigenen Daten und Biomaterial der Kohorte zur Verfügung stellt, wurden aber gerade in dem Punkt Datenschutz beruhigt. Da die Daten innerhalb der Kohorte pseudonymisiert weitergeleitet werden, anhand der Schlüssel aber auch wieder zurückverfolgt werden können, ist gerade ein hoher Datenschutz für viele Patientinnen wichtig. Dass dies nicht unbedingt im Ausland garantiert wird liegt auf der Hand. Was mit den Daten im Ausland geschieht und wer die Daten in weiteren Staaten erhält kann so nicht mehr garantiert werden mit vielleicht fatalen Folgen für die Patienten.
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HIV Positive im Visier der Justiz
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Aber auch die deutsche Justiz könnte, sollten Pläne der Regierung einer schärferen Kriminalisierung von HIV Infektionen in die Tat umgesetzt werden, sehr an den Daten interessiert sein, sind darin fast ein Drittel der HIV Positiven eingeschlossen. Im Fall der Fälle hätten die Justizbehörden eine umfangreiche Recherchemöglichkeit, die fast an die Zeit der "Rosa Listen" erinnert.
Unabhängig davon entspricht der vom Kompetenznetz realisierte Datenschutz nicht dem, was in den Patientenvereinbarungen versprochen wird. Das eigentliche Konzept für das Netzwerk ist zwar vorbildlich, aber in den letzten Jahren in dieser Form nicht realisiert worden. Dies wird zwar offensichtlich durch eine "Übergangslösung" durch Datenschützer noch vertreten, ist jedoch in Hinsicht auf die Brisanz der Daten mehr als zu hinterfragen. Ferner hat es mehrere Versionen der Patienteneinwilligung im Verlaufe der Zeit gegeben zu haben, was zur Folge haben kann, dass vor jeder weiteren Verwendung der Daten eine Einzelprüfung stattfinden müsste.
Dies kann für das Kompetenznetz noch aus anderen Aspekten problematisch werden. Die ganze Struktur des Netzwerkes ist so angelegt, dass einzelne Personen bei illegalem Handeln in Regress genommen werden können, da es sich nicht um eine juristische Person handelt. Sollten nun strafrechtliche oder zivilrechtliche Folgen aus einem illegitimen oder gar illegalen Handeln entstehen, stehen erst einmal Einzelpersonen vor dem Richter.
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Weiter so? Besser nicht!
Die gesamte Situation ist mehr als ärgerlich. Das Netzwerk war und ist die bisher umfangreichste, und wenn man sich die Zwischenergebnisse anschaut, wahrscheinlich auch beste Herangehensweise gerade für Patientinnen viel mehr zu erreichen, als dies in der Vergangenheit möglich war. Wenn nun durch unüberlegtes Handeln von Seiten des Kompetenznetzes das Vertrauen der Patientinnen verspielt wird, hat dies nicht nur Folgen für das Kompetenznetz. Studien und Kohorten in der Zukunft werden von Patientenseite sicherlich nicht mehr mit solch einer großen Teilnehmerzahl möglich sein. Dem Kompetenznetz wird nichts anderes übrig bleiben, als sich kompetente externe Hilfe zu holen, damit das Kind nicht in den Brunnen fällt. Aus der Community ist der Ruf nach den Datenschutz- sowie Patientenbeauftragten des Bundes bereits laut geworden, dem man sich nur anschließen kann. Immerhin scheint es trotz eines guten Konzeptes beim Datenschutz in den vergangenen Jahren gerade bei dem Datenschutz unabhängig von der neuen Situation große Defizite gegeben zu haben.
Eine kurzfristige Ausweitung der bisherigen Patientenverfügungen auf internationale Kohorten kann keinesfalls eine Lösung sein, denn die Datenschutzbestimmungen im Ausland müssten bei einer solchen Vorgehensweise nicht nur berücksichtigt werden seitens des Netzwerkes, eine intensive Aufklärung der Patienten müsste über mögliche Folgen und über die Ziele und Zwecke der internationalen Studien wären genauso zu erklären. Vor alledem muss der Datenschutz selbst in der Kohorte nicht nur evaluiert sondern grundlegend in trockene Tücher gebracht werden.
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Eingestellt von: Stefan Reck |