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CSD

27.07.2004: Uhren andersrum?

Ex-Postminister beim Gleichstellungsgetümmel?

Grußwort von Dr. Wolfgang Bötsch zum Würzburger CSD 2004

Dr. Wolfgang Bötsch: Zum Umdenken bereit?
Dr. Wolfgang Bötsch: Zum Umdenken bereit?

Fast könnte man meinen, die Uhren würden in Bayern jetzt wirklich anders gehen - andersrum?

Hat Dr. Wolfgang Bötsch (CSU) - Ex-Bundespostminister - noch 1980 der damaligen Würzburger Schwulengruppe WüHSt untersagt, die CSU auf einem Plakat zu einer Podiumsdiskussion auch nur ansatzweise in die Nähe des Wortes "homosexuell" zu bringen, so scheint sich jetzt, nach über 20 Jahren, im konservativen Bayern und der CSU eine Weiterentwicklung anzubahnen, denn Dr. Bötsch hat es sich nicht nehmen lassen zum Würzburger CSD ein Grußwort zu schicken.

Der Würzburger CSD sei Teil einer sozialen Bewegung, so Dr. Bötsch, die in Deutschland mit einigem Selbstbewusstsein auf eine über 100jährige Geschichte zurückblicken könne. "Das zentrale Anliegen dieser Bewegung war von Anfang an, für die Rechte von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten einzutreten." so lautet es weiter.
Und aus dem Munde eines CSU-Politikers mutet es schon etwas seltsam an, wenn er feststellt, die wachsende Aufgeschlossenheit in der Bevölkerung könne nicht darüber hinwegtäuschen, "dass noch vieles veränderungsbedürftig ist, um die Alltagsrealität und Lebensqualität von Homosexuellen zu verbessern." Wie wahr, wie wahr! Bleibt die Hoffnung, dass Dr. Bötsch's Kolleginnen und Kollegen in den Unionsparteien bei der Verabschiedung des Lebenspartnerschaftsergänzungsgesetzes (eingeschlossen des Adoptionsrechtes für eingetragene Lebenspartnerschaften) zu einer gleichlautenden Erkenntnis gelangen.

"Ich hoffe," so endet das Grußwort von Dr. Bötsch, "dass der Würzburger CSD 2004 viele Menschen, die Vorurteile hegen, zum Nachdenken anregt und sie veranlasst, sich mit der Vielfalt unseres Lebens unvoreingenommen auseinanderzusetzen. Nur so kommen wir Schritt für Schritt weiter in eine Gesellschaft, in der jeder ohne Angst verschieden sein kann."

Selbst die Würzburger Lokalzeitung "Mainpost" zeigt sich gespannt, ob wir den Ex-Bundespostminister beim Würzburger CSD in schwarzer Lederhose und Muskel-T-Shirt samt schickem Schwulen-Käppi mitfeiern sehen.

Der CSD und die CSU - oder andersrum?

Kommentar :
Wer's glaubt, wird seelig oder seelig sind die Gläubigen?

Die Erkenntnis aus dem Mundes eines CSU-Politikers wie Ex-Bundespostminister Dr. Wolfgang Bötsch (CSU), der ja innerhalb der bundesdeutschen Politszene kein Unbedeutender ist, "dass noch vieles veränderungsbedürftig ist, um die Alltagsrealität und Lebensqualität von Homosexuellen zu verbessern", mutet nicht nur seltsam an, sondern mag so gar nicht ins Bild dessen passen, was in den letzten Monaten - von Jahren wollen wir erst gar nicht reden (!) - aus anderen Mündern seiner Kolleginnen und Kollegen in CDU und CSU zu hören war.

Doch halt! Warum neigt man eigentlich so oft dazu, positive Äußerungen von Unionspolitikerinnen und -politikern zum Thema "Homosexualität" unter den Teppich zu kehren, wenn nicht sogar als unglaubwürdig zu verdammen? Und warum wird sich an jedes noch so kleines Zipfelchen möglicher positiver Entwicklung gehängt, wenn es von "linker" Seite kommt, wie z.B. unlängst die Ankündigung von Bundesjustizministerin Zypris zu eingetragenen Lebenspartnerschaften?

Mal ehrlich: Wir haben längst gelernt, dass Politikerinnen und Politikern nicht alles zu glauben ist, vor allem nicht vor anstehenden Wahlen (und CSD-Veranstaltungen). Was ist aus den Versprechungen der jetzigen Koalition vor der letzten Bundestagswahl geworden? Bisher ist alles nur Schall und Rauch. Und was haben uns die Unionsparteien versprochen? Nichts! Richtig! Und wenn sich jetzt - bedingt auch durch die Lobbyarbeit der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) - endlich mal was bewegt in der Union, dann werden gleich wieder Geschütze aufgefahren. Nein! So einfach sollte man und frau sich das nicht machen. Arbeit, die darauf gerichtet ist, ein gesellschafts- und familienpolitisches Umdenken oder zumindest Weiterdenken in den konservativen Parteien zu bewirken, sollte respektiert werden. Und ebenso verdient Respekt, wer anderes sagt, als von ihm erwartet:

Deswegen, Herr Ex-Bundespostminister Dr. Bötsch, Hut ab vor Ihrem Grußwort zum Würzburger CSD. Und noch schöner wäre es, wenn Sie es beim Straßenfest am Samstag, 21. August vor dem versammelten Publikum persönlich vortragen würden. Wir sind gespannt darauf.
Eingestellt von: Wolfgang Keller
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