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International

22.06.2004:

MTV: Fernsehsender für Schwule und Lesben

Den einen ist bereits das Projekt ein Produkt des Teufels, den andern eine längst fällige Angebotserweiterung. Initiant ist der Musikfernsehbetreiber MTV.

snu. Nachdem die Popsängerin Janet Jackson während der Übertragung des Super-Bowls im Januar 2004 ihre Brust vor Millionen von Fernsehzuschauern entblösst hatte, überschwemmten konservative Lobbygruppen die amerikanische Medienaufsichtsbehörde, Federal Communications Commission (FCC), mit über 500.000 Protestbriefen.

Was politische Beobachter angesichts der heranrückenden Wahlen nicht besonders erstaunte, war die prompte Reaktion der regierungstreuen FCC. Man werde künftig unerbittlich gegen «unanständige» Inhalte in Radio und Fernsehen vorgehen, teilte die Aufsichtsbehörde mit und unterbreitete dem US-Kongress eine Vorlage, die vorsieht, Strafen gegen Sender von «obszönen» Inhalten von bisher 27.500 Dollar auf 500.000 Dollar anzuheben. Das Repräsentantenhaus stimmte dem Gesetzesvorschlag bereits zu, im Senat ist die Abstimmung noch hängig.

«Falsche Glorifizierung»

Kaum war diese Welle verebbt, schlugen die Sittenwächter vom rechten Rand des politischen Spektrums erneut Alarm. Diesmal erschien die Bedrohung nicht als Stück nackter Haut, sondern als neuartiges Fernsehprojekt. Die Novität heisst Logo, was für den ersten Kabelfernsehkanal für Schwule und Lesben steht. Aus der Taufe heben wird ihn im kommenden Februar der Medienkonzern MTV/Viacom, der nach eigenen Angaben «stolz ist, mit einem Unterhaltungssender eine mehr und mehr ins moderne Bewusstsein Amerikas rückende Randgruppe Amerikas ansprechen zu können». Louis Sheldon, Vorsitzender der einflussreichen konservativen Traditional Values Coalition (TVC), warnte in einem offenen Brief auf der verbandseigenen Website vor drohender «moralischer Anarchie und falscher Glorifizierung eines dysfunktionalen Lebensstils». Ein Sender, der sich der Homosexualität verschreibe, führe amerikanische Familien in schmutzige Gewässer. Er rief seine Gesinnungsgenossen zum Boykott von Firmen auf, die auf dem neuen Kanal Werbung für ihre Produkte machen würden, und kündigte an: «Nun haben die Fernsehproduzenten den schlafenden Riesen geweckt.» Dieser Riese sorgte gleich dafür, dass die Leser auf der TVC-Webseite über «homosexuelle Krankheiten» und «homosexuelle Kinderschänder» unterrichtet wurden.

Die christlich orientierte Gruppe «Focus on the Family» liess durch ihren Gender-Spezialisten Mike Haley verlauten, Fernsehsendungen, welche das Leben von Homosexuellen in einem zu rosigen Licht präsentierten, übten einen negativen Einfluss auf Jugendliche aus. Heterosexuelle Teenager könnten zu «Überläufern» werden. «Welcher High-School-Student möchte nicht so cool, vermögend und gut aussehend sein wie Will und noch dazu über die besten Freunde verfügen?», fragte Haley in einem Interview mit der «New York Times». Damit verwies er auf die beliebte Fernsehshow «Will & Grace», die in den vergangenen sechs Jahren mehrere Emmy-Nominationen erhielt. Will Truman ist der erfolgreiche, liebenswerte und charmante Anwalt aus Manhattan, der mit seiner besten Freundin, der schönen Grace Adler, viele Leidenschaften teilt, jedoch keine Liebesbeziehung. Weshalb dieser Verzicht in einer Fernsehshow, die geradezu nach Romanze und Eros schreit? Die einfache Antwort lautet: Will ist schwul, und Grace ist heterosexuell.

Tom Freston, der Vorsitzende von MTV, sieht Logo als Angebot, das - ähnlich wie «Will & Grace» - eine breite Schicht von Zuschauern ansprechen soll. An einer Pressekonferenz Ende Mai sagte Freston, er glaube nicht an einen grösseren Aufstand der Christlich-Konservativen, denn Umfragen zeigten, dass Offenheit und Toleranz der Amerikaner gegenüber sogenannten LGBT-Paaren und -Familien (Akronym aus Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) stark am Zunehmen seien. Je besser die Amerikaner über deren Anliegen Bescheid wüssten, desto eher würden die schwarzmalenden Sittenwächter zu Rufern in der Wüste. Das Konzept von Logo entspreche demjenigen eines Unterhaltungsprogramms. In diesem werde nicht mehr und nicht weniger über Sexualität gesprochen als in andern Sendern des Unterhaltungssektors. Logo sei auch keine politische Station. Dass ausgerechnet jetzt, so viele schwule und lesbische Paare eine zivilrechtliche Trauung in die Wege leiteten, sei purer Zufall. Logo habe nichts damit zu tun.

Der Erfolg von Logo wird in erster Linie an seinen Werbeeinnahmen gemessen werden. Inwieweit sich interessierte Firmen von Boykottdrohungen konservativer Aktivisten beeindrucken lassen, wird sich zeigen. Zahlen von 10 bis 14 Millionen anvisierten Zuschauern, die gemäss Hochrechnungen über eine Kaufkraft von 400 Milliarden Dollar verfügen, sollte jedem potenziellen Anbieter das Herz höher schlagen lassen. Die Zahlen muss man allerdings mit einiger Vorsicht zur Kenntnis nehmen. Bis vor einigen Jahren war die Gesetzgebung in vielen Gliedstaaten der USA gegenüber Schwulen und Lesben so diskriminierend, dass die wenigsten ein öffentliches Bekenntnis ihrer sexuellen Ausrichtung ablegten. Jede Zahlenangabe, die sich auf den Bevölkerungsanteil von LGBT-Personen bezieht, kommt daher nicht viel mehr als einer Schätzung gleich.

«Höchst interessante Gelegenheit»

Dies wissen auch die Firmen, die nur zögerlich ins Werbegeschäft mit Logo einsteigen, wenn Erfolgshochrechnungen einem Rendez-vous mit dem Zufall entsprechen. Ausnahmen sind Orbitz, die Online-Reiseagentur, und Avis, der Mietwagenspezialist. Beide haben grosses Interesse angemeldet, Werbung bei Logo zu placieren. Orbitz betrat Neuland, als sie auf ihrer Website mit grossem Erfolg die spezielle Rubrik «Gay Travel» einführte mit attraktiven Exklusivangeboten für schwule und lesbische Reisende. Avis spricht von «einer höchst interessanten Gelegenheit», seien doch viele Homosexuelle Liebhaber eines gepflegten Lebensstils.

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